Ohne einigermaßen stabiles Selbstwertgefühl ist erfolgreiches kommunizieren, und speziell das Reden vor Publikum keine einfache Sache. Ganz egal, ob nur drei Kunden vor Dir sitzen, oder ob der Saal voll ist mit Publikum, eine gewisse Portion Selbstvertrauen und innere Sicherheit sind für souveräne Auftritte besonders gefragt. Doch nicht jeder von uns ist von Natur aus mit jenem Stoff ausgestattet, der manche Zeitgenossen unwiderstehlich erscheinen lässt: Selbstsicherheit und hoher Selbstwert. Doch wie lässt sich der Selbstwert steigern?

Eine Szene aus meinem Coaching-Alltag: Das LinkedIn-Profilfoto zeigt eine energievolle, gradlinig in die Kamera blickende Mittdreißigerin. Am Telefon erzählt sie mir, sie hätte lange Jahre einen wichtigen Bereich des Familienunternehmens erfolgreich geleitet. Und nun, nach dem Verkauf der Firma wäre sie von den neuen Eigentümern in neuer Funktion, aber auch in führender Position übernommen worden.

Ich wäre ihr als Coach empfohlen worden. Das Thema, das sie mit mir dringend bearbeiten will, habe mit den Meetings auf Eigentümerebene zu tun. So sicher sie sich als Führungskraft ihren Mitarbeitern und Projektpartnern gegenüber fühle, in den so wichtigen Besprechungen mit den neuen Inhabern mache sie keine gute Figur. Sie spüre eine eigenartige Unsicherheit trotz bester Vorbereitung, misstraue der Wirksamkeit ihrer eigenen Argumente, kurz: Die während dieser Meetings plötzlich aufbrechenden Selbstzweifel nagten an ihrer Substanz und zerstörten ihre Sicherheit und Souveränität. Es sei an der Zeit, das zu ändern. Langfristig könne sie sonst ihre Position nicht halten. Wir beginnen das Coaching.

Selbstwertgefühl steigern

Selbstwertgefühl steigern, geht das überhaupt?

So eine tief geprägte Eigenschaft eines Menschen sei doch kurzfristig kaum zu beeinflussen, werden Sie vielleicht jetzt einwenden. Mit diesem Beitrag will ich den Gegenbeweis antreten und Sie mit drei praktischen Tipps ermuntern, bei Ihrem nächsten Redeauftritt selbstsicher und souverän zu überzeugen! Doch der Reihe nach. Beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme:

Wie drückt sich mangelndes Selbstwertgefühl aus?

Vielleicht kennen Sie dieses „es fehlt dann einfach der Flow“. Während sich im Kopf störende und hemmende Gedanken breitmachen, irritiert ein unbestimmtes Unwohlsein den Körper. Und da jede innere Unsicherheit sich unmittelbar im persönlichen Verhalten widerspiegelt, verändert sich im selben Moment der mimische, gestische und klangliche Ausdruck und zeigt mangelnden Selbstwert.

Den Gesprächspartnern oder Zuhörern präsentiert sich jetzt eine ganze Palette an körpersprachlichen, stimmlichen und sprachliche Unschärfen. Jetzt heißt es dringend Selbstwertgefühl steigern!

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Die wichtigsten Auswirkungen mangelnden Selbstwertgefühls sind:

  • Unklare Formulierungen
  • Um den heißen Brei herumreden
  • Zu viele Details
  • Sprunghaft argumentieren
  • Kein klarer roter Faden
  • Leise Stimme
  • Defensive Haltung
  • Hektische Gesten
  • Fahriger Körperausdruck
  • sprachliche Weichmacher wie „eigentlich, es wäre“ etc.
  • Nervende sog. „Diskurspartikel“ (ah, ähm)

Mit allen oben genannten Merkmale mangelnder Souveränität und geringen Selbstwertgefühls verstoßen Sie gegen ein oder gleich mehrere Grundbedürfnisse Ihrer Zuhörer. Die Folgen kennen Sie wahrscheinlich aus Ihrem Alltag: Unerwartete Skepsis gegenüber guten Ideen, manch ablehnendes Gesicht in der Runde, abwertende Äußerungen und unnötige Einwände.

Wenn es um souveräne Auftritte geht, welche Auswirkungen von mangelndem Selbstwertgefühl sind besonders kritisch?

Diese Frage ist am treffendsten aus der Perspektive Ihres Publikums zu beantworten. Analysieren wir also, was die wichtigsten Bedürfnisse Ihrer Zuhörer sind, die Sie tunlichst durch Ihr Auftreten befriedigen sollten.

Das sind die wichtigsten Bedürfnisse Ihrer Zuhörer:

  • Anerkennung: Fühlen sich Ihre Zuhörer persönlich angesprochen?
  • Wertschätzung: Formulieren Sie auch kritische Themen wertschätzend?
  • Anregung: Wie viel Neugier provozieren Sie durch Ihren Beitrag? Wie viel Lebensenergie verströmen Sie beim Sprechen?
  • Klarheit: Wie gut und wie rasch können Ihre Zuhörer erkennen, worum es geht und was Ihr Anliegen ist?
  • Führung: Wie gut begleitet und zu einem erkennbaren Ziel geführt fühlen sich Ihre Zuhörer?
  • Struktur: Haben Sie eine zielorientierte Gliederung vorbereitet?
  • Bequemlichkeit und Wohlbefinden: Was müssen Sie konkret berücksichtigen, damit Ihr Publikum leicht zuhören kann und sich dabei wohlfühlt?

Ganz sicher verletzen auch Sie niemals absichtlich die Bedürfnisse Ihrer Zuhörer. Und dennoch erleben wir speziell als Zuhörer von Präsentationen und Vorträgen oft die Auswirkungen.

Was steckt also hinter Selbstzweifeln und geringem Selbstwertgefühl?

Sich selbst als wertvoll zu empfinden, unabhängig von den eigenen Leistungen, ist nicht jedem und jeder von uns ist es in den Schoss gelegt. Die Geschehnisse und Prägungen unserer ersten Jahre haben oft Kerben und Einschränkungen in unserem Selbstwert hinterlassen. Auch das beste und teuerste Coaching kann das nicht ungeschehen machen. Was kann rasch helfen, den Selbstwert zu steigern?

Der erste Schritt der Selbstentwicklung hin zu noch mehr Souveränität muss eine Art Bestandsaufnahme sein, bevor Sie konkret daran gehen, neue Denk- und Handlungsstrategien als Alternativen zu entwickeln.

Diese Fragen sollten Sie sich stellen, um Ihr Selbstwert-Konzept zu hinterfragen und Ihr Selbstwertgefühl zu steigern:

  • Selbstkonzept: Definieren Sie sich stark über Ihre Arbeit? Beziehen Sie Ihren Selbstwert mehrheitlich aus Ihren Leistungen oder erwächst Ihr Selbstwert eher aus Ihren inneren Stärken?
  • Grundannahmen: Wie bewerten Sie sich und Ihre Handlungen? Ihre inneren Bewertungen steuern die Filter Ihrer Wahrnehmung (Bias, verzerrte Informationsverarbeitung). Daraus speisen sich Ihre automatischen Gedanken (innerer Dialog)
  • Fremdbild: Wenn Sie an die Menschen in Ihrer Umgebung denken, wie akzeptiert, beobachtet, hinterfragt oder gar abgelehnt empfinden Sie sich von ihnen?
  • Selbstwirksamkeits-Erwartung: Wenn Sie an die Momente vor einem Auftritt, einer Entscheidung oder einer Wortmeldung denken, wie zuversichtlich sind Sie hinsichtlich Ihrer Wirkung?

Drei einfach anwendbare Schritte, um Ihr Selbstwertgefühl beim Sprechen rasch zu steigern

1. Beobachten Sie sich selbst

In welchen Momenten Ihres Alltags wollen Sie mit Ihren Aussagen punkten und überzeugen? Ganz egal, ob Sie gerade an der Supermarktkasse das Wechselgeld überprüfen, oder gerade der unpassenden Aussage eines Kollegen widersprechen – das tägliche Leben bietet Ihnen täglich unendlich viele wertvolle Momente, um Ihren Selbstwert neu zu kalibrieren.

Stellen Sie sich folgende Fragen:

  • In welchen Momenten fühle ich mich klein oder weniger wichtig als andere?
  • Was konkret löst diese Empfindung aus?
  • Welche Gefühle steigen dabei in mir hoch?

Notieren Sie Ihre Erlebnisse. Was werden Sie das nächste Mal in einer ähnlichen Situation eine Spur anders machen, um zu einem besseren, befriedigenderen Ergebnis zu gelangen und Ihr Selbstwertgefühl zu steigern?

Wenn Sie sich mit selbstsicheren Menschen vergleichen:

  • Mit wem konkret vergleichen Sie sich, wenn es um starkes und souveränes Auftreten geht?
  • Wenn Sie sich mit selbstsicher auftretenden Menschen vergleichen, machen Sie sich dabei klein? Bestärken Sie sich dadurch gar in Ihrem niederen Status?
  • Oder nützen Sie die Gelegenheit, gute Merkmale zu erkennen? Sind Sie innerlich bereit, guten Beispielen zu folgen? Setzen Sie kleine Veränderungen dann konkret in die Tat um?

2. Achten Sie auf Selbstsabotage

Manchmal schlagen wir uns selbst ein Schnippchen, und verhindern unbewusst selbst unsere Weiterentwicklung. Wie können Sie erkennen, ob auch Sie ab und zu einen Schritt nach vor – und zwei Schritte zurück gehen? Stellen Sie sich einfach folgende drei Fragen:

  • Vermeiden Sie manchmal Anstrengungen, um Ihr Scheitern dann der mangelnden Anstrengung zuschreiben zu können? (Selbstwert-Protektion)
  • Beginnen Sie manchmal zu spät mit der Vorbereitung, oder bauen Sie andere Hindernisse ein, um Ihren Misserfolg anschließend den Hindernissen zuschreiben zu können? (Self-Handycapped-Verhalten)
  • Setzen Sie sich manchmal unrealistisch niedere Ziele, um die Angst zu mildern, nicht genug zu erreichen? (Defensiver Pessimismus)

Falls Sie gerade beim Lesen einer dieser Fragen innerlich genickt haben, steuern Sie dagegen. Machen Sie einen konkreten Anlass dingfest und handeln Sie selbstbewusst, auch wenn Sie sich dazu aufraffen und Ihre innere Scheu bewusst überwinden müssen.

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3. Ersetzen Sie diese drei verräterischen Merkmale Ihrer Sprache und Sprechweise

Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie stark Ihre Art zu sprechen auf Ihre eigene Befindlichkeit und Selbstsicherheit zurückwirkt? Denn ohne dass wir das merken, hören unsere eigenen Ohren ja auch immer mit, wenn wir sprechen. Und unsere Körperwahrnehmung ist spezialisiert darauf, aus unserer Körperhaltung die Infos für das Ein- oder Ausschalten von guten Gefühlen zu holen.

Achten Sie deshalb auf folgende drei Tipps, um Ihr Selbstwertgefühl zu steigern und rasch souverän und selbstsicher zu sprechen:

Stark beginnen – statt unsicher anzittern

Beginnen Sie Ihre Sätze öfter mit „Ahm …“, „Njaa …“ oder „Also …“? Wenn Sie führungsstark sprechen wollen, lassen Sie Ihre Sätze stattdessen effektvoll mit dem deutlich ausgesprochenen ersten Wort des Satzes beginnen!

Nutzen Sie dazu diese Hinweise:

  • Suggestiv beginnen: Sichern Sie sich führungsstark die Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer, indem Sie Ihre Wortmeldung mit einer starken Suggestion beginnen. Nutzen Sie dazu die hochwirksamen Formeln: „Wenn Sie …“, „Angenommen, Sie …“ oder „Vielleicht haben Sie …“. Zum Beispiel: „Wenn Sie, lieber Kunde, vorher darauf hingewiesen haben …“
  • Starke Worte an den Anfang stellen: Gewinnen Sie immer wieder die volle Aufmerksamkeit mit starken Worten am Satzbeginn: „Gestern …“, „Morgen …“, „Heute …“, „Bewiesen ist …“, „Garantiert …“, „Vorab …“, „Jetzt …“, „Momentan …“, „Erstens …“, „Bequem …“, „Mühelos …“.

Stark weitersprechen – aber ohne Weichmacher und Konjunktive

  • Relativieren Sie Ihre eigenen Aussagen durch sogenannte „sprachliche Weichmacher“ wie „eigentlich“, „im Prinzip“, oder „Vielleicht sollten wir …“?
  • Auch der oft gehörte Konjunktiv (die Möglichkeitsform) wertet das Gesagte stark ab und zeigt Ihre Unentschlossenheit: „möchte, könnte, wollte, sollte, müsste, hätte“!

Diese beiden Alternativen helfen Ihnen, durch starke Sprache Ihren Selbstwert zu steigern:

  • Sie wollen einen Sachverhalt stark und verständlich erklären? Anstelle umständlich um den heißen Brei herumzureden, werfen Sie eine kluge Frage zur Problematik in die Runde, warten einen Moment auf die Reaktionen – und antworten dann auf Ihre eigene Frage.
  • Sie haben erkannt, dass Sie Ihre Aussagen zu oft durch Weichmacher und Konjunktive schwächen? Sagen Sie anstelle von „Ich möchte …/ könnte …/ sollte …“ doch besser einfach : „Ich will …/ Ich werde …!“. Und wenn Sie sich gerade „eigentlich“ oder „im Prinzip“ sagen gehört haben, wiederholen Sie einfach den Satz und wandeln sie ihn in eine klare Aussage um!

Stark beenden – mit einer unmissverständlichen Aufforderung

Wie oft enden interessante Beiträge mit unsicheren Floskeln wie „Danke für Ihre Aufmerksamkeit!“ oder unspezifischen Appellen wie „Und deshalb sollten wir dieses oder jenes tun!“. Zerstören Sie nicht den guten Eindruck Ihrer Rede mit einem schwachen Schluss! Noch wichtiger aber ist:

Geben Sie speziell bei Ihrem letzten Satz die Führung nicht aus der Hand!

Fragen Sie sich vorab konkret:

  • Zu welchen realistischen Reaktionen will ich meine Zuhörer bewegen? Welches Nahziel verfolge ich mit meiner Rede?
  • Was konkret sollen meine Zuhörer unmittelbar nach meinem letzten Wort sagen oder tun? Sollen sie offen gebliebene Fragen stellen? Sollen sie die letzten verbliebenen Vorbehalte aussprechen, damit ich sie anschließend ausräumen kann?
  • Sagen Sie nicht „Gibt es noch Fragen?“!  Führen Sie die Gedanken Ihrer Zuhörer anstelle dessen in eine produktive Richtung, indem Sie etwa sagen: „Wenn Sie nun von mir XXX gehört haben, welche offenen Fragen muss ich Ihnen denn heute noch konkret beantworten, damit Sie Ihre nächsten Schritte tun können?“

Lesen Sie dazu auch:

Wenn Sie bis hierher gelesen haben:

Was denken Sie nun? Halten Sie es nun für ebenso einfach möglich wie ich, Ihr Selbstwertgefühl für souveräne Auftritte immer weiter zu steigern? Wenn ich mit diesem Beitrag einen Beitrag dazu leisten konnte, bei Ihren nächsten Redeauftritten selbstsicher und souverän zu überzeugen, freue ich mich ganz besonders!

Lassen Sie mich in den Kommentaren wissen: Welche Tipps halten Sie für besonders nützlich? Welche Strategien für noch mehr Sicherheit und Selbstvertrauen im Auftreten kennen Sie? Ich freue mich auf Ihre Gedanken!

Herzlich Ihr

Arno Fischbacher