Es war 1977, soweit ich mich erinnere, als Reinhard Mey im bis auf den letzten Platz ausverkauften Salzburger Mozarteum die Bühne betrat. Die Lichter im Zuschauerraum waren bereits erloschen, alle Blicke in gespannter Stille auf den Sänger gerichtet, der gerade zu seiner Gitarre griff. Der Kontrast des starken Scheinwerferkegels ließ den Hintergrund fast schwarz erscheinen.

Da öffnete sich hinter mir mit Ruck eine Tür zum Foyer, ein heller Lichtstrahl fiel herein und ein zu spät kommender Besucher, sichtlich peinlich berührt, schlich geduckt zu seiner Sitzreihe, womit er – zu seinem Verhängnis – die ganze Aufmerksamkeit auf sich zog.

Reinhard Mey ließ die Gitarre sinken, hielt ruhig inne. Es schien, als betrachte er die absurde Szene mit einem Anflug von Neugier. Er verfolgte den gänzlich misslingenden Versuch des Zuspätkommenden, unbemerkt zu seinem freien Platz zu gelangen, mit unverhohlenem Vergnügen. Einige Zuhörer begann zu kichern, Reinhard Mey lachte zurück, ein eigenwilliges, verschmitztes Vergnügen breitete sich aus – und mündete endlich in einen großen Auftrittsapplaus.

Srechpausen Arno Fischbacher

Sprechpausen und ihre praktische Bedeutung im Vortrag

Wie nützen Sie diese wirkungsvollen Momente gezielt bei Ihren Auftritten und Präsentationen? In diesem Beitrag will ich mit Ihnen die erste von drei besonders wesentlichen Gelegenheiten diskutieren, in denen Ihr Schweigen von ganz besonders großer Bedeutung sein kann.

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Drei Sprechpausen verdoppeln die Wirkung Ihrer Präsentationen

  • Zu Beginn: Spannungspause und Präsenzmoment
  • Während Ihrer Rede: Service für das Gedächtnis mit Gliederungspausen
  • Am Schluss: Wirkung im Zuhörer entstehen lassen

Aber der Reihe nach. Beginnen wir mit Ihren ersten Worten. Oder noch besser mit der Pause vor Ihrem ersten Satz.

So erzeugen Sie Aufmerksamkeit und Sog mit Ihrer ersten Sprechpause

Erleben Sie das auch bei den meisten Ansprachen, Vorträgen oder Präsentationen? Kaum sind Rednerin oder Redner nach vorgegangen, manchmal sogar noch während der letzten Schritte, da hören wir sie schon „Ähm, danke für die Einladung … ähm … willkommen auch von meiner Seite …“ sagen. Floskeln zu Beginn Ihrer Rede sind keine gute Idee. Denn abgesehen davon, dass sie meist völlig inhaltsleer und nur so dahingesagt sind, aktivieren sie in den Zuhörern die Befürchtung, dass es wohl mit Floskeln und leeren Formeln uninspiriert weiter gehen wird.

  • PraxistippÜberprüfen Sie: Wie laufen bei Ihren Präsentationen die Sekunden vor Ihren ersten Worten ab? Wenn Sie aufgestanden sind, um nach vor zu gehen? Wieviel Zeit nehmen Sie sich, um am richtigen Punkt anzukommen, den Raum und die Atmosphäre wahrzunehmen und Kontakt mit Ihrem Publikum aufzubauen?

Was verführt zu Anfangsfloskeln?

Sprechdruck ist der Fachausdruck für die treibende Kraft, die so vielen Vortragenden die Wirkung ihrer ersten Worte nimmt. Dieser übergroße Antrieb gleich loszureden ist eine fatale Mischung aus Erwartungsspannung, Auftrittsnervosität und dem rechtschaffenen Streben nach guter Leistung.

Diese innere Anspannung sucht nach Erlösung. Und speziell dann, wenn Sie Ihren Beginn nicht anders konzipiert und durchdacht haben, entlädt sich Spannung in körperlichen Handlungen. Druck sucht nach Ausdruck – in diesem Fall fatal, denn unbewusst nehmen die Zuhörer wahr, dass die Situation Sie fest im Griff hat, Sie von den Umständen getrieben sind, Sie also die Selbstführung verloren haben.

Wechseln Sie die Perspektive!

Betrachten Sie die Szene doch einmal ganz von außen. Versetzen Sie sich für einen Moment in Ihr Publikum. Sind Ihre Zuhörer denn wirklich schon aufnahmebereit? Wenn Sie bei einer Tagung sprechen, sind die Teilnehmer wahrscheinlich noch mit den Gedanken aus dem letzten Vortrag beschäftigt, machen sich Notizen oder nehmen gerade Ausschau nach der Tür zum Buffet. Wenn Sie in einem Meeting präsentieren, hängen Ihre Kollegen vielleicht noch den To do’s aus dem letzten Tagesordnungspunkt nach und ärgern sich über die Aufgaben, die ihnen zugeteilt wurden, tuscheln noch miteinander oder lesen noch schnell eine Message am Handy.

Seminare mit Arno Fischbacher

Seien Sie stark, warten Sie ab!

Geben sie Ihren Zuhörern die nötige Zeit und nutzen Sie die Gelegenheit, um in Ihrer Führungsrolle anzukommen:

  • Wählen Sie jenen Platz vor Ihren Zuhörern, der dem Brennpunkt aller Blicke entspricht
  • Richten Sie sich körperlich frontal zum Publikum aus. Konfrontieren Sie sich sichtbar allen Erwartungen und Bedenken. Nur so zeigen Sie, dass Sie innerlich bereit sind, die sprichwörtlichen Zügel in die Hand zu nehmen.
  • Straffen Sie sich, richten Sie sich auf. Machen Sie deutlich, dass Sie gerade Ihren Standpunkt beziehen. > Lesen Sie dazu hier mehr

Die subjektive Zeit vergeht schneller

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, tauchen in Ihrem Kopf ja vielleicht auch Gedanken auf wie: „Ich kann doch nicht so lange einfach nur stehen und nichts sagen!“? Beobachten Sie es bei Gelegenheit in der Praxis. Bis hierher sind vielleicht zwei, drei Sekunden vergangen. Nach meinen Beobachtungen dauert es sogar in simplen Meetings meist bis zu zehn Sekunden, bis alle Sie sich Teilnehmer mit ihrer Aufmerksamkeit bei der Sache sind. Dann sind allerdings die ersten Sätze der Vortragenden schon ungehört verhallt.

  • Wenn Sie sich gestrafft und aufgerichtet haben, ist jetzt der richtige Moment für Sense Focusing gekommen: Wechseln Sie aktiv vom Denken und Planen in die Körperwahrnehmung. Spüren Sie nach, wie sich das Gewicht auf Ihrer Fußsohle verteilt. Nehmen Sie sich selbst intensiv körperlich wahr.

Ihr innerer Fokus schafft Aufmerksamkeit

Sense Focusing bringt Ihnen mehrfachen Nutzen:

  • Souveräne Körpersprache:  Alle durch den Auftrittsstress gespannten Muskeln lassen jetzt los. Ihre Schultern lassen los, das wird Ihren Gesten beim Sprechen mehr Ausdrucksraum verschaffen
  • Klangvolle, tiefere Stimme: Die sensiblen Stimm-Muskeln im Kehlkopf danken Ihnen die kurze Ruhepause mit mehr Ausdruckskraft.
  • Neugierige und erwartungsvolle Blicke Ihres Publikums: Sie haben nun ohne sichtbare Aktivität die erste Reaktion des Publikums bewirkt und damit Führungsstärke bewiesen.

Selbst die Gäste in den letzten Reihen haben nun bemerkt, dass es losgeht. Alle Blicke sind nun auf Sie gerichtet. Es wird still im Raum. Jetzt ist es Zeit, die Ergebnisse zu ernten!

Gratulation! Jetzt erst ist der richtige Moment für Ihre ersten Worte!

Herzlich Ihr

Arno Fischbacher

 

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