BLOG_ILLU_NervositaetUlrich Mayerhofer sitzt in der ersten Reihe eines großen Konferenzraumes. Auf der Bühne spricht sein Vorgesetzter, der Vertriebsvorstand. Im Saal: 50 Kollegen und Mitarbeiter. Ulrich weiß, er ist als nächster Sprecher an der Reihe. Als Sales-Direktor wird er die Halbjahres-Zahlen verkünden. Die Zahlen sind ausgezeichnet. Ulrich weiß, er könnte der Präsentation mit Gelassenheit entgegensehen. Aber er weiß auch, was vermutlich wieder passieren wird. Er hat es schon oft erlebt. Draußen an der Front, bei seinen Kunden, ist er eloquent, überzeugend, rhetorisch voll da. Aber sobald er vor mehr als 5 Menschen öffentlich sprechen soll, wird er zum Nervenbündel. Dieses Mal ist keine Ausnahme.

In dem Moment, wo er als nächster Redner aufgerufen wird, stockt ihm der Atem. Alle Kraft verlässt seine Beine, er kann nur mit Mühe das Treppchen zur Bühne erklimmen. Der CEO schüttelt ihm im Vorbeigehen die Hand, die von Ulrich ist eiskalt und feucht. Auf dem Weg zum Rednerpult zittern seine Beine so stark, dass er fürchtet, in sich zusammenzusinken. Mit letzten Kräften langt er am Pult an und umklammert es wie ein Ertrinkender. Mit nervösen Händen reguliert er das Mikrofon. Und beginnt zu sprechen. Mit leiser Stimme, die noch mehr zittert als seine Beine, beginnt er vorzutragen. Das Zittern legt sich zwar nach einer Weile, aber er ist so erpicht darauf, möglichst bald aus dieser „Foltersituation“ herauszukommen, dass er immer schneller und damit monotoner wird. Er galoppiert durch seine Folien, lässt den Zuhörern keine Zeit, diese im Detail aufzunehmen und zu verstehen. Die Folie mit dem großartigsten Halbjahresergebnis seit der Gründung des Unternehmens geht total unter! Niemand versteht so richtig die Tragweite des eben Gezeigten. Sich vor lauter Glück, dass er abtreten darf, noch einmal verhaspelnd, nuschelt Ulrich seinen Schlusssatz und flüchtet von der Bühne.

Aus meiner Sicht als Stimmcoach für die Wirtschaft ist das tragisch. Aus vielerlei Aspekten. Erstens, weil die gesamte Belegschaft so nicht verstanden hat, wie gut es dem Unternehmen geht mit diesem Jahrhundertergebnis. Was eine wunderbare Motivations-Botschaft hätte sein können, verpuffte so im leeren Raum. Aber auch tragisch vor allem für Ulrich, der nichts getan hat, um seinen eigenen Anteil an diesem Ergebnis nur annähernd zu unterstreichen. Karriere-Booster sehen anders aus. Gar nicht zu sprechen von seinem großartigen, Team, das durch diese desaströse Präsentation nicht gewürdigt wurde.

Was können solche Menschen tun, um besser und wirkungsvoller aufzutreten? Hier sind zwei „Baustellen“ zu beachten. Die erste – einfachere – ist die Art der Präsentation, der Aufbau. Bei Ereignissen dieser Art hilft nur ein Spannungsbogen, der auf den Moment, in dem die Halbjahreszahl genannt wird, hinführt und diese quasi rhetorisch bombastisch enthüllt. Daran kann jeder mit Hilfe eines Coaches, z. B. relativ leicht arbeiten. Der zweite, nicht ganz so einfache Teil ist die Arbeit am Lampenfieber selber. Am besten ist es, mit derselben Person an beiden Themen zu arbeiten, damit eine Einheit entsteht.

Hier sind zwei einfache Mittel, Ihre volle Sicherheit rasch wieder zu erlangen:

  • Kurzes Warming-Up für Stimme und Körpersprache vor dem Auftritt. Meist genügen 30 Sekunden, als Ort empfiehlt sich ein leeres Büro oder der Waschraum. Eine Checkliste mit 30-Sekunden-Warming-Ups finden Sie in meinem Buch „Voice sells! Die Macht der Stimme im Business.“
  • Floskeldiät, speziell zu Beginn. Anstelle des oft gehörten „Meine Damen und Herren“ halten Sie zuerst kurz inne, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und dann beginnen Sie direkt mit einem „Erinnern Sie sich an die Tagung vor einem Jahr?“ oder mit „Wie genau waren unsere Erwartungen …“. Nach diesem Ersten Satz warten Sie auf die Reaktionen. Bravo! – Sie haben die Neugier Ihrer Zuhörer geweckt und die erste Reaktion provoziert. Das wird Ihre Sicherheit sprunghaft steigern.

Wenn Sie diese Anleitungen vor Ihrer nächsten öffentlichen Rede beachten, werden Sie sehen, dass Ihr Lampenfieber sofort erträgliche Ausmaße annimmt. Und je mehr sie damit arbeiten und üben, werden Sie feststellen, wie dieses unnötige Fieber Sie vollkommen verlässt und etwas anderem Platz macht: Nämlich der Freude am Sprechen! Das gibt es! Ich habe es oft erlebt bei meinen Coachees. Glauben Sie mir!

Herzlichst
Ihr Arno Fischbacher

Seminartipp: Rhetorik Praxis: Stimmstark begeisternd reden und präsentieren