VortragsstimmeDer Eurovisions Song Contest geht normalerweise an mir vorbei. Nachdem das Mega Event dieses Jahr in Wien stattfindet, verfolge ich das Geschehen ein wenig genauer. Natürlich mache ich mir dabei auch Gedanken über die stimmliche Vorbereitung von Interpreten wie Moderatoren. Insbesondere über die Frage: Wie gehen diejenigen, die da im Rampenlicht stehen, mit ihrem sicher galoppierenden Lampenfieber um? Wie werden sie sich fühlen, vor diesem großen Publikum in der Halle? Wie werden sie reagieren, wissend, dass 200 Millionen Menschen weltweit zusehen und zuhören?

Sicher eine Situation, in der die Nerven blank liegen. Besonders die Moderatoren sind da stimmlich, körpersprachlich und rhetorisch intensiv gefordert. Die Künstler haben ihren Song oft genug geprobt und müssen ihn „nur“ performen. Stress genug. Aber die Moderatoren müssen mit allen ihren Sinnen auf Unvorhergesehenes reagieren und trotzdem stets souverän wirken. Ich bin sicher, Mirjam Weichselbraun, Arabella Kiesbauer, Alice Tumler und Conchita Wurst, die vom Green Room aus berichten wird, werden ihre Aufgabe großartig meistern – trotz Lampenfieber.

Bei manchen Menschen setzt bebendes Lampenfieber schon bei sehr kleinen Gruppen ein, denen sie gegenübertreten müssen. Die meisten werden erst ab Personenkreisen von 100 und mehr Zuhörern nervös. Bei manchen beginnt dieser fieberhafte Zustand schon am Abend vor dem Auftritt, bei anderen erst auf dem Weg zur Bühne …

Was können diese Menschen tun, um sicherer, besser und wirkungsvoller aufzutreten?

Psychologisch betrachtet, lässt sich Lampenfieber als Angst vor der Scham beschreiben. Auf der Bühne droht das peinliche Scheitern ja in jeder Sekunde: Man könnte den Faden verlieren, nicht mehr weiter wissen, ein wichtiges Wort, einen Namen, ein entscheidendes Faktum genau dann nicht mehr im Gedächtnis behalten haben, wenn alle Augen auf einen gerichtet sind.

Die Praxis zeigt: Lampenfieber ist am stärksten ausgeprägt, wenn bei einem Menschen der innerer Perfektionsanspruch auf Harmoniebedürfnis und ängstliches Achten auf die Bewertung durch andere stößt. Diese sozialen Befürchtungen treten oft schon Tage vor dem eigentlichen Anlass auf. Auf die Spitze getrieben wird das Lampenfieber dann im Moment des Auftritts, wenn tatsächlich viele Augen auf einen gerichtet sind. Denn das löst im Gehirn alte Schutzreflexe aus, die körperlich leistungsfähig machen sollen – aber in unserem Fall zur Blockade führen.

Diese Wege führen zur Souveränität im Auftritt:

1. Mentale Vorbereitung hilft gedankliche Blockaden lösen.
Zielbild visualisieren: Stellen Sie sich das Ende Ihrer Rede bildlich vor! Schauen Sie von Ihrem Platz auf der Bühne aus in zustimmende, begeisterte Gesichter, die Ihnen zulachen und als Dank für Ihre Rede zu klatschen beginnen. Spüren Sie die Welle der Erleichterung, die Sie durchrollt. Nehmen Sie das gute Gefühl wahr, dass Sie es geschafft haben.

2. Vor jedem offiziellen Auftritten empfiehlt sich ein kurzes Warming-Up für Stimme und Körpersprache. Meist genügen 30 Sekunden mit raumgreifenden Bewegungen, spaßigen Grimassen und kindischen Plapperübungen für die Stimme.

3. Der Auftritt und Ihre ersten Worte sind der Schlüssel zum Kontakt mit dem Publikum:
Betreten Sie elegant die Bühne, gehen Sie in Ruhe zur Mitte und verwurzeln Sie sich erst mal, um in die eigene Mitte zu kommen.
• „Surfstand“: Warten Sie auf die volle Aufmerksamkeit Ihres Publikums. Beide Füße fest am Boden. Knie nicht ganz durchstrecken: Mit der Vorstellung, auf einem Surfbrett oder einem schwankenden Boot zu stehen, die Knie etwas lösen, die entstehende Stabilität in die Stimme einfließen lassen.
• Selbstbewusste Sicherheit spüren: Rücken aufrichten, dabei das Gefühl zulassen „erhaben“ zu wirken. Schultern loslassen, Arme fallen lassen.
• Floskelverbot: Starten Sie mit direkter Anrede der Zuhörer. Stellen Sie eine Frage. Führen Sie in eine Erinnerung oder Vorstellung.

So vorbereitet, werden Sie den intensiven Kontakt mit dem Publikum als etwas Beflügelndes, Stärkendes erleben, das Sie Wort für Wort durch Ihren Vortrag trägt. So genießen Sie in Ihren Sprechpausen die Stille und Aufmerksamkeit, die Ihre Rede oder Moderation verdient.

Ein Zaubermittel gegen Lampenfieber ist noch nicht erfunden, aber wer diese Tipps vor seinem nächsten öffentlichen Auftritt beachtet, wird feststellen, dass sein Lampenfieber sofort erträgliche Ausmaße annimmt.

Und ich bin jetzt Mal gespannt auf den Gewinner des Song Contests

Ihr
Arno Fischbacher