Oh Herr, gib‘ mir Zeit zu Verstehen!

Vor kurzem saß ich in einem hochrangigen Kongress. Mit ebenso hochrangigen, beeindruckenden Keynote-Speakern. Wobei beeindruckend verschiedentlich interpretierbar ist. Die meisten Reden waren großartig, spannend und inspirierend. Aber dann kam ER. Er, der „anders beeindruckende Redner“. Er beeindruckte durchaus. Nämlich durch gefühlte 6000 Folien in 45 Minuten, gespickt mit mindestens 300 Stufen-Diagrammen, die mich ansprangen. Die Zahlen, Daten und Fakten schwirrten von Folie eins an nur so an unseren verzweifelt mitzuhalten versuchenden Hirnen vorbei.

BLOG-ILLU-Atmen

Diese Art von Sprecher kenne ich. Meist aus wissenschaftlichem Umfeld kommend, befinden sie sich auf einer Mission, die da lautet: Muss meinem Publikum alles, aber wirklich alles, was ich an Wissen habe, darlegen. Tritt so ein universitär-wissenschaftliches Exemplar auf, gibt es nur eine Reaktion: Ihn und die Folien ausblenden, sich geistig ausruhen und warten, dass es zu Ende ist.

Leider ging das hier nicht. Bei diesem Sprecher hatten wir es mit einem hybriden Wesen zu tun, das sich leider auch für einen Wanderprediger hielt. Nur leider ohne das Charisma, das solche Prediger normalerweise auszeichnet. Er lief wie ein Tiger im Käfig auf der Bühne auf und ab. Links – Rechts. Links – Rechts. Uns, dem Publikum, zugewandt war er so gut wie nie. Und dabei sprach er stakkatohaft, rasend schnell, nahezu unverständlich. Und atmete nicht. Wie er diesen Auftritt überlebte, ist mir heute noch schleierhaft.

Wir im Publikum hatten also einen wahren Sinnesgenuss einander überlappender Eindrücke: Wir hörten Hochdruck-Sprechen, sahen einen Tiger auf und ab rennen und hinter ihm 5lagige hochkomplexe Diagramme vorbeirauschen. Kurz: Es war anstrengend und die Botschaften gingen vollkommen unter. Ich dachte mir noch: „Da sind die, die ihre Folien eins zu eins vorlesen, ja noch besser, die ermüden wenigstens nicht den gesamten Organismus.“

Was aber steckt hinter einem solchen Bühnen-Gebaren? Außer dem klaren Trieb, Wissen geballt nach draußen zu tragen. Meines Erachtens ist es Angst. Die Angst vor der Pause. Weil, in einer solchen Pause muss sich ein Sprecher seinem Publikum zuwenden, Kontakt aufnehmen, ganz da sein. Im Moment der Pause kann sich niemand hinter seinen Inhalten verstecken. Da stehen wir als Sprecher voll und ganz im Rampenlicht, als Person. So eine Pause repräsentiert Macht. Aber nur die wenigsten wissen diesen machtvollen Moment richtig auszukosten. Die meisten fliehen lieber wieder ins Sprechen. Denn es ist ja viel leichter, das Schweigen abzukürzen und zur nächsten Folie zu hasten.

Wann immer wir mit solchen Sprechern konfrontiert sind, ist meine Empfehlung, ihnen ein wertschätzendes, aber klares Feedback zu geben, wie sie denn so wirken. Nur wenn wir alle den Mut haben, gewisse Mankos direkt anzusprechen, kann die Welt des Speaking noch besser und schöner werden. Auf dieser Veranstaltung ging übrigens ein Kollege auf diesen Sprecher zu und sagte ihm, dass man während einer solchen Präsentation durchaus atmen müsse und dürfe. 🙂

In diesem Sinne, atmen Sie!
Ihr
Arno Fischbacher