BLOG_Griss-Settele_12347468In meinen Seminaren und Coachings kommt es oft zu einer Diskussion darüber, wie Echt- und Authentisch-Sein im öffentlichen Leben genau auszulegen ist. Meistens sind wir ja souverän unterwegs in unseren Themen und Botschaften, die wir gut kennen. Was aber passiert, wenn wir plötzlich einer Situation ausgesetzt sind, die uns hemmt, unsicher oder gar sprachlos macht? Ist es dann richtig, diese Emotionen klar zu zeigen oder ist es besser, diese so gut wie möglich zu überspielen?

Es kommt natürlich immer auf den speziellen Kontext an. In den letzten Tagen kam es z. B. nach der „Wahlfahrt“ der österreichischen Präsidentschaftskandidatin Dr. Irmgard Griss zu einigen negativen Kommentaren in der Presse. Sie habe sich eindeutig nicht wohlgefühlt, zu lange zwischendrin geschwiegen, hieß es da. Angekreidet wurde auch, dass Dr. Griss dem Moderator und Fahrer des Wagens, Hanno Settele, klar gesagt hatte, dass Sie sich nicht so ganz wohl fühlen würde in dem Format. Es ist sicher auch ein eigenartiges Gefühl, in einem Mercedes-Oldtimer zu sitzen, einen rot-weiß-roten Gurt umgeschnallt zu haben und Fragen des eher leichteren Genres zu beantworten. Ich kann sehr gut verstehen, dass die ehemalige – sehr faktenorientierte – Richterin des obersten Gerichtshofs damit nicht so ganz klarkam. Was ist also zu tun in einer solchen Situation, gute Miene zum bösen Spiel machen und sich so optimal wie möglich „durchzuwursteln“ oder klar zu sagen: „Das ist nichts für mich?“

Ich rate meinen Coachees und Teilnehmern, in solchen Momenten rhetorische oder sonstige Instrumentarien zu nutzen, die ihre Stärken betonen. Im Falle von Frau Dr. Griess kommen mir da ihre äußerst hohen kognitiven Fähigkeiten in den Sinn. Es wäre also ein Ansatz gewesen, unangenehme Fragen rasch und so locker wie möglich zu beantworten, dann aber auf ein anderes Thema umzuleiten, in dem man sattelfest ist. Das erfordert ein wenig Übung zu Beginn, funktioniert aber hervorragend und ersetzt vor allem das Schweigen, das eben so unangenehm auffiel.

Dies gilt genau so für Führungskräfte, die sich ja auch manches Mal auf einem Terrain bewähren müssen, das nicht ihrer direkten Fachexpertise entspricht. Dann ist es immer günstig, geschickt eine neue Thematik vorzugeben, in der man mit Überzeugungskraft punkten kann. Schweigen, das durch Unsicherheit entsteht, strahlt jedenfalls keine persönliche Stärke aus. Und wer will als Präsidentschaftskandidat oder Führungskraft schon jemanden, der oder die unsicher wirkt?